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Abnehmspritze gegen Migräne?

Eine grosse US-Beobachtungsstudie weckt Aufmerksamkeit: Personen mit chronischer Migräne, die GLP-1-Wirkstoffe wie Ozempic oder Trulicity einnehmen, benötigen weniger Notfallbehandlungen und weniger zusätzliche Migränemedikamente als jene unter Topiramat. Die Daten sind ermutigend – aber noch kein Beweis.

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GLP-1 steht für «Glucagon-like Peptide 1» – ein Hormon, das der Körper beim Essen selbst produziert. Es reguliert den Blutzucker, regt die Insulinproduktion an und dämpft das Hungergefühl. GLP-1-Medikamente ahmen diesen Effekt nach und halten ihn länger aufrecht als das körpereigene Hormon.
Zugelassen sind aktuell drei Präparate – Dulaglutid (Trulicity), Liraglutid (Victoza) und Semaglutid (Ozempic, Rybelsus) – offiziell für Typ-2-Diabetes, Übergewicht und zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In der Forschung zeigt sich zunehmend, dass sie auch bei ganz anderen Indikationen hilfreich sein könnten – von Nieren- über Suchtproblematiken bis zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson.

Die neue Studie

Am 1. März 2026 veröffentlichte die American Academy of Neurology (AAN) eine Pressemitteilung zu einer grossen Beobachtungsstudie; die vollständigen Ergebnisse werden vom 18. bis 22. April 2026 auf der AAN-Jahrestagung in Chicago präsentiert. Bis zur Publikation in einer Fachzeitschrift mit Peer Review sind die Befunde als vorläufig einzustufen.

Ausgewertet wurden die Krankenakten von rund 22 000 Personen mit chronischer Migräne, die innerhalb eines Jahres nach der Diagnose entweder ein GLP-1-Medikament (für eine andere Erkrankung wie Diabetes oder Adipositas) oder das Vorbeugungsmittel Topiramat (Topamax®) begonnen hatten. Beide Gruppen waren nach Alter, Gewicht (BMI), früheren Therapien und Begleiterkrankungen vergleichbar zusammengesetzt.
Über einen Beobachtungszeitraum von zwölf Monaten schnitt die GLP-1-Gruppe in mehreren Punkten besser ab als die Topiramat-Gruppe: Notfallbehandlungen traten 10 Prozent seltener auf, Hospitalisierungen jeglicher Ursache 14 Prozent seltener. Auch eine Eskalation der vorbeugenden Therapie war seltener nötig – besonders deutlich bei Valproat (Depakote®, 48 Prozent seltener) und CGRP-Antikörpern (42 Prozent seltener).

Wichtig zur Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang zwischen GLP-1-Einnahme und weniger Migräne-bedingten Versorgungsereignissen – noch keinen Beweis dafür, dass die Medikamente die Ursache der Verbesserung sind. Weitere Studien sind nötig.

Wie könnten GLP-1-Wirkstoffe bei Migräne wirken?

Warum die Wirkung zustande kommen könnte, ist noch nicht abschliessend geklärt. Drei Erklärungsansätze stehen derzeit im Raum:

Entzündungshemmende Wirkung. Chronische Migräne hängt eng mit Entzündungsprozessen im Nervensystem zusammen. GLP-1-Medikamente scheinen entzündungshemmend zu wirken – unter anderem indem sie die Ausschüttung bestimmter Botenstoffe (Interleukine) anregen. Tierstudien zeigen, dass dies die Schmerzempfindlichkeit im Gehirn verringern kann. Der Schmerzspezialist Dr. Robert Bonakdar aus San Diego sieht hier den vielversprechendsten Wirkansatz: GLP-1-Wirkstoffe könnten durch ihre schmerzlindernden und entzündungshemmenden Eigenschaften im zentralen Nervensystem wirken.

Stabilisierung des Blutzuckers. Nach zuckerreichen Mahlzeiten kann es Stunden später zu einem starken Blutzuckerabfall kommen – der reaktiven Hypoglykämie. Das Migränegehirn reagiert auf solche Stoffwechselschwankungen besonders empfindlich, und der Abfall kann einen Anfall auslösen. GLP-1-Medikamente verlangsamen die Magenentleerung und halten den Blutzucker stabiler – was solche Auslöser dämpfen könnte.

Senkung des Hirndrucks. Eine kleine italienische Studie mit 31 Patientinnen und Patienten unter Liraglutid zeigte: Die monatlichen Kopfschmerztage sanken von rund 20 auf etwa 11 – und das, obwohl das Körpergewicht kaum abnahm. Die Forschenden vermuten leichte Senkungen des Hirndrucks (des Drucks, den Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit auf das Gehirn ausüben) als möglichen Mechanismus. Diese Wirkung dürfte nicht bei allen Migränepatientinnen und -patienten relevant sein, eröffnet aber interessante Forschungsfragen.

Für wen könnte das interessant sein?

GLP-1-Medikamente sind nicht zur Migränebehandlung zugelassen. Eine Verschreibung ausserhalb der zugelassenen Indikationen («Off-Label-Use») ist möglich, in der Schweiz aber an klare Voraussetzungen gebunden – insbesondere im Hinblick auf die Kostenübernahme durch die Krankenkasse.

Laut Expertinnen und Experten könnten vor allem jene Patientengruppen profitieren, bei denen chronische Migräne zusammen mit Erkrankungen auftritt, für die GLP-1-Wirkstoffe bereits zugelassen sind:

• Typ-2-Diabetes oder Prädiabetes
• Übergewicht oder Adipositas
• chronische Schmerzzustände in Kombination mit Migräne

Risiken und Nebenwirkungen

GLP-1-Medikamente sind nicht für jeden geeignet. Bei bestimmten Vorerkrankungen – etwa einer persönlichen oder familiären Vorgeschichte gewisser Schilddrüsenerkrankungen – sind sie kontraindiziert. Auch in Schwangerschaft und Stillzeit werden sie nicht empfohlen. Mögliche Gegenanzeigen sind unbedingt mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zu besprechen.

Mögliche Nebenwirkungen umfassen unter anderem:

• Übelkeit, Erbrechen und andere Magen-Darm-Beschwerden (häufig, vor allem zu Beginn)
• Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis)
• Gallensteine
• Augenprobleme (vor allem diabetische Retinopathie)
• Nierenschäden
• Unterzuckerung
• depressive Verstimmungen (selten)
• Muskelabbau (Sarkopenie) – besonders bei gleichzeitigem Gewichtsverlust

Achtung – Nährstoffmangel: GLP-1-Medikamente können den Spiegel wichtiger Nährstoffe senken, die für Migränepatientinnen und -patienten besonders relevant sind: Vitamin B12, Vitamin D und Eisen. Eine regelmässige Kontrolle dieser Werte ist empfehlenswert. Bei Verlust von Muskelmasse sollte zudem auf ausreichende Proteinzufuhr, Krafttraining und gegebenenfalls Kreatin als Ergänzung geachtet werden.

Was tun, wenn Sie interessiert sind?

Wenn Sie über eine GLP-1-Therapie nachdenken, empfehlen Expertinnen und Experten folgendes Vorgehen:

• Sprechen Sie mit Ihrer Neurologin oder Ihrem Neurologen beziehungsweise mit der Hausärztin oder dem Hausarzt – bevor Sie eigenständig handeln.
• Binden Sie alle behandelnden Fachpersonen ein: Je nach Situation Internistinnen, Endokrinologen, Neurologen, Augenärztinnen und weitere Spezialisten.
• Klären Sie Gegenanzeigen: Gibt es in Ihrer Familie oder in Ihrer eigenen Krankengeschichte Faktoren, die gegen GLP-1-Medikamente sprechen?
• Planen Sie Blutkontrollen ein: Vitamin B12, Vitamin D, Eisen und Körperzusammensetzung sollten vor der Einnahme und regelmässig danach kontrolliert werden.
• Klären Sie die Kostenfrage: Eine Kostenübernahme ohne entsprechende zugelassene Indikation ist nicht selbstverständlich.

Fazit

Die neue Studie ist ein vielversprechendes Signal: GLP-1-Wirkstoffe könnten für bestimmte Migränepatientinnen und -patienten ein hilfreicher zusätzlicher Baustein in der Therapie sein – besonders wenn gleichzeitig Übergewicht, Diabetes oder Stoffwechselstörungen vorliegen. Dennoch steht die Forschung noch am Anfang. Die Medikamente sind nicht für Migräne zugelassen, können erhebliche Nebenwirkungen haben und sind nicht für jeden geeignet.

Das Wichtigste: Handeln Sie nicht auf eigene Faust. Im Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt lässt sich abwägen, ob GLP-1-Medikamente für Ihre individuelle Situation sinnvoll und sicher sein könnten.
Dieser Beitrag dient zur allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.


Quellen
• Libers A. GLP-1 Agonists for Type 2 Diabetes: Are They Right for You? Everyday Health. January 9, 2026.
• Ballard S. GLP-1 Medications Get at the Heart of Addiction: Study. Washington University School of Medicine. March 4, 2026.
• Moiz A et al. The Expanding Role of GLP-1 Receptor Agonists: A Narrative Review of Current Evidence and Future Directions. eClinicalMedicine. August 2025.
• GLP-1 Drugs Associated With Reduced Need for Emergency Care for Migraine. American Academy of Neurology. March 1, 2026.
• Abstract: GLP-1 Receptor Agonists and Chronic Migraine: A Real-World Cohort Study of Healthcare Utilization and Preventive Escalation.American Academy of Neurology. March 1, 2026.
• Jing F et al. GLP-1R Agonist Liraglutide Attenuates Pain Hypersensitivity by Stimulating IL-10 Release in a Nitroglycerin-Induced Chronic Migraine Mouse Model.Neuroscience Letters. August 24, 2023.
• Braca S et al. Effectiveness and Tolerability of Liraglutide as Add-on Treatment in Patients With Obesity and High-Frequency or Chronic Migraine: A Prospective Pilot Study.Headache: The Journal of Head and Face Pain.June 17, 2025.
• Kim JA et al. Exploring the Side Effects of GLP-1 Receptor Agonist: To Ensure Its Optimal Positioning. Diabetes & Metabolism Journal. July 1, 2025.

 

 

Bild: Krakenimages.com / Adobe Stock

 

 

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