Alte Substanz, neuer Glanz – Candesartan gegen Migräne
Ein altbekanntes Blutdruckmittel könnte die Migräneprophylaxe neu ausrichten: Die bislang grösste randomisierte Studie zu Candesartan zeigt eine deutliche Reduktion der Migränetage – vergleichbar mit deutlich teureren CGRP-Hemmstoffen. Die Ergebnisse könnten internationale Leitlinien beeinflussen.

Forscher des St. Olavs University Hospital führten eine randomisierte, dreifach verblindete, placebokontrollierte Phase-2-Studie mit 457 Teilnehmenden an zehn Zentren in Norwegen und Estland durch. 86 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen, die zu Studienbeginn im Schnitt 5,7 Migränetage pro Monat aufwiesen. Über zwölf Wochen erhielten sie entweder 8 mg oder 16 mg Candesartan oder Placebo.
Das Ergebnis ist eindeutig: Beide Dosierungen reduzierten die Migränetage signifikant. Die 16-mg-Dosis senkte sie um 2,04 Tage pro Monat, die 8-mg-Dosis sogar um 2,2 Tage – gegenüber lediglich 0,82 Tagen unter Placebo. Zusätzlich nahmen die Kopfschmerztage insgesamt ab, der Triptanverbrauch sank, und mehr Patienten erreichten eine Reduktion der Migränetage um mindestens 50 Prozent.
Verträglich – auch bei niedrigerer Dosis
Unter 16 mg berichteten 30 Prozent der Teilnehmenden über Schwindel, die meisten stuften die Nebenwirkungen jedoch als leicht oder erträglich ein. Da 8 mg nahezu gleich wirksam war wie die höhere Dosis, bietet die niedrigere Dosierung eine sinnvolle Alternative für Patienten mit Unverträglichkeiten. Im Allgemeinen gilt Candesartan als besser verträglich als viele ältere Prophylaktika – und anders als ACE-Hemmer verursacht es keinen trockenen Husten.
Eine Lücke in der Versorgung schliessen
Viele bewährte Migräneprophylaktika wurden ursprünglich für andere Indikationen entwickelt – etwa Betablocker gegen Bluthochdruck oder Topiramat gegen Epilepsie. Candesartan reiht sich nun mit robuster Evidenz in diese Gruppe ein. Das ist klinisch relevant: Weltweit nutzen rund 85 Prozent der in Frage kommenden Patienten keine präventive Therapie. CGRP-Hemmstoffe sind zwar wirksam, aber kostspielig und nicht überall zugänglich – zudem müssen Patienten in vielen Versorgungssystemen erst mehrere ältere Präventivmedikamente ohne Erfolg ausprobieren, bevor sie überhaupt Zugang zu diesen neueren Therapien erhalten. Candesartan ist breit verfügbar, gut bekannt und kostengünstig.
Mögliche Auswirkungen auf Leitlinien
Der Nutzen von Candesartan in dieser Studie ist vergleichbar mit demjenigen, der in Studien zu CGRP-gerichteten Therapien beobachtet wurde – auch wenn kein direkter Vergleich stattfand. Experten gehen davon aus, dass die Daten Eingang in internationale Migräne-Leitlinien finden könnten. Parallel laufen Bemühungen, Candesartan in die WHO-Liste der unentbehrlichen Arzneimittel aufzunehmen und den weltweiten Zugang zu verbessern.
Für Patienten mit episodischer Migräne, die eine Prophylaxe benötigen und keinen Zugang zu neueren Therapien haben oder diese nicht vertragen, lohnt sich das Gespräch mit dem Neurologen.
Quelle:
Øie et al. Lancet Neurol. 2025 Oct;24(10):817–27. / Lee MJ. Lancet Neurol. 2025 Oct;24(10):802–3.
Bild: dragonstock/Adobe Stock
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