Migräne bei Männern: oft übersehen, spät erkannt
Migräne gilt als Frauenleiden – zu Unrecht. Auch Männer sind häufig betroffen, doch bei ihnen bleibt die Erkrankung oft unerkannt. Andere Symptome, Rollenbilder und Zurückhaltung verzögern die Diagnose.
![]()
Migräne betrifft rund 15 Prozent der Weltbevölkerung. Frauen erkranken zwar deutlich häufiger, doch auch Männer trifft es keineswegs selten: Ihr Lebenszeitrisiko liegt bei etwa 18 Prozent, gegenüber rund 48 Prozent bei Frauen [1]. Und die wahre Zahl dürfte höher liegen – denn bei Männern bleibt Migräne öfter unerkannt oder wird erst spät diagnostiziert [2]. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Erkrankung zeigt sich bei Männern manchmal anders, sie gilt noch immer als «Frauenleiden» – und Männer holen sich seltener Hilfe.
Migräne ist keine Frauenkrankheit
Viele Männer erkennen wiederkehrende Kopfschmerzen gar nicht als Migräne. Sie beissen die Zähne zusammen, greifen zu Schmerzmitteln aus der Hausapotheke oder gehen erst zum Arzt, wenn die Attacken heftig werden und Beruf und Alltag lahmlegen.
Dazu kommt das Stigma. Kopfschmerzen gelten mancherorts noch immer als Zeichen mangelnder Belastbarkeit – also berichten Männer sie später oder spielen sie herunter. Und in der Sprechstunde wird bei ihnen seltener gezielt nach Migräne gefragt. So verzögern sich Diagnose und wirksame Behandlung.
Zeigt sich Migräne bei Männern anders?
Eine typische Migräneattacke bringt meist einseitige, pulsierende Kopfschmerzen, die sich bei körperlicher Aktivität verschlimmern, dazu Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Lärmempfindlichkeit.
Bei Männern fällt dieses Bild oft weniger eindeutig aus. Untersuchungen beschreiben im Durchschnitt unter anderem:
• kürzere und weniger intensive Attacken
• häufiger dumpf-drückende oder beidseitige Schmerzen
• schwächer ausgeprägte Begleitsymptome
• im höheren Alter häufiger beidseitige Kopfschmerzen [3]
Das gilt nicht für jeden Mann. Aber gerade dieses untypische Bild führt dazu, dass die Beschwerden als Spannungs-, Stress- oder unspezifische Kopfschmerzen abgetan werden. Für die Diagnose zählt deshalb das Gesamtbild: Wie oft kommen die Kopfschmerzen? Wie lange dauern sie? Welche Begleitsymptome treten auf? Und wie stark leidet der Alltag darunter?
Aura-Symptome gezielt erfragen
Manche Betroffene erleben vor oder während einer Attacke eine Aura: vorübergehendes Flimmern, Lichtblitze, Zickzacklinien oder Ausfälle im Gesichtsfeld. Auch Taubheitsgefühle, Sprachprobleme, Schwindel oder Koordinationsstörungen kommen vor, selten eine einseitige Schwäche oder Lähmung.
Einiges deutet darauf hin, dass Männer relativ häufig eine Aura erleben – ganz einheitlich ist die Datenlage aber nicht. Umso wichtiger ist es, im Arzt- oder Apothekengespräch gezielt nach solchen vorübergehenden neurologischen Symptomen zu fragen, selbst wenn die Kopfschmerzen mild sind oder gar nicht im Vordergrund stehen.
Wichtig: Neue, ungewöhnliche oder anhaltende neurologische Symptome gehören ärztlich abgeklärt – besonders plötzliche Sprachstörungen, Lähmungen, Bewusstseinsstörungen oder erstmalige Sehstörungen.
Biologische Unterschiede sind noch wenig erforscht
Geschlechtshormone greifen in mehrere Signalwege ein, die bei Entstehung und Verarbeitung von Migräneschmerzen mitwirken – allen voran CGRP, PACAP und die sogenannten TRP-Kanäle. Diese Botenstoffe und Rezeptoren aktivieren das trigeminovaskuläre System und leiten Schmerzreize weiter.
Die geschlechtsspezifische Migräneforschung dreht sich bislang vor allem um hormonelle Schwankungen bei Frauen. Über die biologischen Besonderheiten bei Männern weiss man deutlich weniger – auch weil Männer in klinischen Studien oft unterrepräsentiert sind. Geschlechtsspezifische Befunde lassen sich deshalb nicht schematisch auf jeden einzelnen Patienten übertragen.
Unterscheiden sich die Auslöser?
Stress und grelles Licht nennen beide Geschlechter häufig. Weitere mögliche Auslöser oder Verstärker sind:
• Schlafmangel oder ein veränderter Schlafrhythmus
• übermässig langer Schlaf
• ausgelassene Mahlzeiten
• Alkohol
• körperliche Anstrengung
• bestimmte Nahrungsmittel
• Wetterwechsel
• laute Geräusche und intensive Gerüche
Einzelne Studien berichten, dass Männer häufiger Alkohol, körperliche Belastung und bestimmte Lebensmittel als Auslöser nennen [4,5]; ihre Reizschwelle bis zur Attacke könnte zudem höher liegen.
Doch nicht jeder zeitliche Zusammenhang ist ein echter Auslöser: Müdigkeit, Heisshunger oder ein verändertes Schlafbedürfnis können bereits die ersten Vorboten einer Attacke sein. Ein Kopfschmerz-Kompass oder Kopfschmerztagebuch hilft, Häufigkeit, Begleitsymptome, Medikamente und mögliche Muster festzuhalten.
Gute Behandlungsmöglichkeiten – aber zu selten genutzt
Migräne kann Arbeit, Familie, Freizeit und Beziehungen stark belasten. Männer geben in Studien zwar im Schnitt eine etwas geringere Krankheitslast an – im Einzelfall kann die Einschränkung aber enorm sein.
Die wirksamen Therapien stehen Männern und Frauen gleichermassen offen:
• eine früh eingesetzte Akutbehandlung
• nichtmedikamentöse Massnahmen und Selbstmanagement
• bei häufigen oder stark belastenden Attacken eine medikamentöse Prophylaxe
• moderne migränespezifische Therapien, darunter CGRP-gerichtete Medikamente
Trotzdem erhalten Männer offenbar seltener eine vorbeugende Behandlung. Eine Prophylaxe lohnt sich vor allem, wenn Attacken häufig auftreten, lange dauern, kaum auf Akutmedikamente ansprechen oder Beruf und Alltag deutlich beeinträchtigen.
Bedeutung für Arztpraxis und Apotheke
An Migräne sollte man auch dann denken, wenn das Beschwerdebild nicht dem Lehrbuch entspricht. Gezielt fragen lässt sich nach:
• Kopfschmerztagen pro Monat
• Dauer und Stärke der Attacken
• Schmerzcharakter und -lokalisation
• Übelkeit sowie Licht-, Lärm- oder Geruchsempfindlichkeit
• Seh-, Gefühls- oder Sprachstörungen
• Einschränkungen im Berufs- und Privatleben
• Einnahmehäufigkeit von Schmerzmitteln oder Triptanen
Auch Apothekerinnen und Apotheker erkennen die Erkrankung oft früh: Wer wiederholt Schmerzmittel kauft, sich häufig selbst behandelt oder mit der bisherigen Therapie nicht zurechtkommt, sollte auf eine strukturierte Kopfschmerzanamnese und gegebenenfalls eine ärztliche Abklärung angesprochen werden.
Checkliste für Betroffene
Vor dem Gespräch in Praxis oder Apotheke helfen diese Fragen:
• An wie vielen Tagen pro Monat habe ich Kopfschmerzen?
• Seit wann bestehen die Beschwerden?
• Haben Häufigkeit oder Intensität zugenommen?
• Ist der Schmerz einseitig oder beidseitig?
• Pulsierend, pochend, stechend oder dumpf-drückend?
• Wie lange dauert eine Attacke?
• Verschlimmert Bewegung die Beschwerden?
• Treten Übelkeit, Licht- oder Lärmempfindlichkeit auf?
• Gibt es Seh-, Gefühls-, Sprach- oder Koordinationsstörungen?
• Welche Medikamente nehme ich – an wie vielen Tagen pro Monat?
• Leiden Arbeit, Familie oder Freizeit unter den Kopfschmerzen?
Fazit
Migräne bei Männern ist alles andere als selten – sie wird nur zu selten erkannt. Ein untypisches Beschwerdebild, alte Rollenbilder und die Scheu, sich Hilfe zu holen, verzögern oft die Diagnose. Mehr Aufmerksamkeit in Praxis und Apotheke und eine gezielte Ansprache männlicher Betroffener bringen sie schneller zu einer wirksamen Therapie.
Die wichtigste Botschaft bleibt: Wiederkehrende Kopfschmerzen sind kein Zeichen von Schwäche. Sie verdienen es, ernst genommen, abgeklärt und gezielt behandelt zu werden.
Wissenschaftliche Grundlage: Der Beitrag basiert unter anderem auf einer narrativen Übersichtsarbeit von Carolin Luisa Hoehne, Wiebke Andersen und Bianca Raffaelli sowie auf folgenden Quellen:
1. Stewart WF, Wood C, Reed ML et al.; AMPP Advisory Group. Cumulative lifetime migraine incidence in women and men. Cephalalgia. 2008 Nov;28(11):1170–8. doi: 10.1111/j.1468-2982.2008
2. Fitzek MP, Boucherie DM, de Vries T et al. Migraine in men. J Headache Pain. 2025 Jan 3;26(1):3. doi: 10.1186/s10194-024-01936-7. PMID: 39754046; PMCID: PMC11697684.
3. Martins KM, Bordini CA, Bigal ME et al. Migraine in the elderly: a comparison with migraine in young adults. Headache. 2006 Feb;46(2):312–6. doi: 10.1111/j.1526-4610.2006.00343.x. PMID: 16492241.
4. Akarsu EO, Baykan B, Ertaş M et al. Sex Differences of Migraine: Results of a Nationwide Home-based Study in Turkey. Noro Psikiyatr Ars. 2019 Sep 26;57(2):126–130. doi: 10.29399/npa.23240. PMID: 32550778; PMCID: PMC7285639.
5. van Casteren DS, Verhagen IE, Onderwater GL et al. Sex differences in prevalence of migraine trigger factors: A cross-sectional study. Cephalalgia. 2021 May;41(6):643–648. doi: 10.1177/0333102420974362. Epub 2020 Nov 17. PMID: 33203218; PMCID: PMC8111230.
Pixel-Shot / Adobe Stock
Newsletter abonnieren
Bei Interesse können Sie sich für unseren Newsletter anmelden. So bleiben Sie auf dem Laufenden.
Newsletter abonnieren
Mitglied werden
Mitglied werden
Spenden
Spenden

