Migräneforschung 2026: Ein fehlerhafter Test und neue Gene
Migräne ist biologisch komplexer als lange angenommen – und die Forschung holt auf: mit neuen Genen, neuen Therapieansätzen und einer unbequemen Selbstkorrektur.

CGRP – Calcitonin Gene-Related Peptide – spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräne, und die meisten modernen Migränetherapien setzen genau dort an. Seit Jahren wird gehofft, dass CGRP als Biomarker dienen könnte: als objektiver Bluttest zur Messung der Migräneaktivität oder des Erkrankungsrisikos. Voraussetzung dafür sind jedoch zuverlässige Labortests.
Genau daran fehlt es offenbar bei einem häufig verwendeten kommerziellen CGRP-ELISA-Testkit des Herstellers Cusabio, wie die Fachzeitschrift Headache berichtet. Das Kit konnte weder aktives α-CGRP noch aktives β-CGRP nachweisen – weder in menschlichen noch in Mausproben, und das über zwei verschiedene Chargen hinweg. Ein Vergleichskit hingegen wies beide Formen erfolgreich nach.
Die Forscher kommen zu einem unbequemen Schluss: Das weit verbreitete Kit misst möglicherweise kein reifes CGRP – obwohl es in zahlreichen publizierten Studien eingesetzt wurde. Die Bedeutung von CGRP bei Migräne wird dadurch nicht in Frage gestellt. Wohl aber müssen einzelne Schlussfolgerungen früherer Studien neu bewertet werden. Das Forschungsfeld muss seine Laborstandards verbessern und verlässlichere Biomarker-Werkzeuge entwickeln. Dass dieser Mangel erkannt und publiziert wurde, ist ein Zeichen wissenschaftlicher Selbstkorrektur – und damit letztlich ein Fortschritt.
Genetische Studie schliesst eine Forschungslücke
Migräne betrifft Frauen häufiger als Männer – doch Männer sind in der Forschung seit jeher unterrepräsentiert. Eine in Molecular Psychiatry veröffentlichte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) schliesst diese Lücke ein Stück weit: Analysiert wurden Daten von über 433'000 Veteranen aus dem «Million Veteran Program», darunter fast 88'000 Personen mit Migräne. Rund 90 Prozent der Teilnehmenden waren Männer; die Studie umfasste zudem Personen europäischer, afrikanischer und hispanischer Herkunft.
Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Die Forscher identifizierten 49 genetische Regionen, die mit Migräne assoziiert sind – 36 davon waren bislang unbekannt. Insgesamt wurden 283 migräneassoziierte Gene gefunden. Darunter befinden sich MAML3, das zuvor mit chronischen Schmerzen in Verbindung gebracht wurde, ASXL1 im Zusammenhang mit dem Stoffwechsel sowie TLR4, das an Neuroinflammation und Immunsignalisierung beteiligt ist.
Entzündung, Immunsystem und Gehirngewebe im Fokus
Die identifizierten biologischen Prozesse umfassen Entzündungsreaktionen, Immunsignalisierung, Lipid- und Cholesterinstoffwechsel sowie Mechanismen im Zusammenhang mit Adipositas. Auffällig: In dieser männlich geprägten Kohorte waren die assoziierten Gene im Hirngewebe angereichert, nicht aber im Gefässgewebe – ein Befund, der weitere Fragen zur biologischen Heterogenität der Migräne aufwirft.
Die Studie fand zudem genetische Korrelationen zwischen Migräne und posttraumatischer Belastungsstörung, Depression sowie traumatischen Hirnverletzungen. Es handelt sich dabei um Korrelationen, nicht um nachgewiesene Kausalzusammenhänge. Sie bestätigen jedoch, was viele Betroffene aus eigener Erfahrung kennen: Migräne teilt biologische Signalwege mit neuropsychiatrischen Erkrankungen.
Als potenzielle therapeutische Ansatzpunkte wurden entzündungshemmende Mechanismen, Kinase-Inhibitoren wie Losmapimod sowie TLR4-gerichtete Therapieansätze identifiziert. Bis zur klinischen Anwendung ist es noch ein weiter Weg – doch die biologische Grundlagenforschung zur Migräne wird zunehmend präziser und verspricht langfristig individuellere Behandlungsansätze.
Migräne ist eine biologisch begründete Erkrankung
Ob fehlerhafte Messtests oder neu entdeckte Genregionen: Beide Studien unterstreichen dieselbe Botschaft. Migräne ist eine reale, biologisch vielschichtige Erkrankung des Gehirns – und die Wissenschaft, die sie erforscht, wird rigoroser, selbstkritischer und präziser. Das kommt letztlich den Betroffenen zugute.
Quelle:
Headache (2026); Molecular Psychiatry (2026), Million Veteran Program.
Bild: STANISLAV/Adobe Stock
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