Migräne ist kein Vorwand
Eine neurologische Erkrankung, die millionenfach unterschätzt wird – von Fremden, von Kolleginnen und Kollegen und manchmal sogar von Ärztinnen und Ärzten. Eine neue Studie zeigt nun erstmals, wie sehr dieses Stigma Betroffene zusätzlich belastet.

Migräne ist mehr als ein starker Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung – mit messbarer Biologie, erheblicher Behinderungslast und einem Problem, das selten offen diskutiert wird: gesellschaftlichem Stigma.
→ ~50% glauben, Migräne sei leicht behandelbar
→ 36% führen Migräne auf ungesunde Gewohnheiten zurück
→ 1/3 der Bevölkerung denkt, Betroffene drücken sich vor der Arbeit
Das erste Messinstrument für Migräne-Stigma
Forschende des Albert Einstein College of Medicine in New York haben erstmals einen validierten Fragebogen entwickelt, der gezielt misst, wie stark Migränebetroffene gesellschaftliche Vorurteile wahrnehmen. Der sogenannte MiRS-Fragebogen (Migraine-Related Stigma) wurde mit über 61 000 Teilnehmenden erprobt.
Dabei zeigten sich zwei Hauptmuster: Viele Betroffene fühlen sich als Vortäuschende – als würden sie ihre Erkrankung nutzen, um Arbeit oder Verpflichtungen zu vermeiden. Andere erleben, dass ihr Leidensdruck schlicht kleingeredet wird.
«Es ist eben nicht nur ein Kopfschmerz. Zwischen den Anfällen bleibt eine erhebliche Belastung. Viele meiner Patienten machen sich schon Wochen im Voraus Sorgen, ob sie eine Dienstreise oder ein wichtiges Meeting überstehen werden.» (Dr. Steven M. Baskin, Neurologe und Verhaltensmediziner, Stamford CT)
Warum das medizinisch so wichtig ist
Migräne ist bei Erwachsenen unter 50 Jahren die häufigste Ursache für Behinderung weltweit. Die Erkrankung geht häufig mit Angststörungen und Depressionen einher und trifft Betroffene oft in den produktivsten Lebensjahren.
Wenn Stigma auf die Behandlung trifft, hat das messbare Folgen: Betroffene zögern länger, Hilfe zu suchen. Sie halten ihre Diagnose am Arbeitsplatz geheim – nennen lieber «Grippe» als Migräne. Und das Vertrauen zum Arzt leidet, wenn auch dort die Schwere der Erkrankung unterschätzt wird.
Was Betroffene und Angehörige tun können
PRAKTISCHE EMPFEHLUNGEN
→ Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt – bitten Sie darum, dass Ihre Beschwerden ernst genommen werden, auch zwischen den Anfällen.
→ Bereiten Sie ein Notfallset vor: Medikamente früh einzunehmen, macht den Verlauf oft deutlich kürzer.
→ Informieren Sie Vorgesetzte sachlich – viele reagieren verständnisvoll, wenn flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice konkret erklärt werden.
→ Angehörige: Fragen Sie nicht «War es wieder so schlimm?» – fragen Sie «Was brauchst du gerade?»
→ Ruheräume am Arbeitsplatz einfordern und kurze Erholungspausen einplanen kann helfen, Anfälle abzukürzen.
Für Angehörige: Was Stigma im Alltag anrichtet
Für viele Betroffene ist das Stigma o erschöpfend wie der Anfall selbst. Sich ständig erklären, rechtfertigen und beweisen zu müssen, dass man wirklich krank ist – das zehrt. Isolation und Rückzug sind häufige Folgen.
Als Angehörige oder Pflegeperson können Sie entlasten: durch Glauben ohne Zweifel, durch praktische Unterstützung und durch das Vermeiden von Sätzen wie «Ich verstehe das nicht, du sahst doch heute Morgen doch noch so gesund aus».
Quellen:
• Seng EK, Muenzel EJ, Shapiro RE, et al. Development of the Migraine-Related Stigma (MiRS) Questionnaire: Results of the OVERCOME (US) Study. Headache. 2025;65:269-279. doi:10.1111/head.14886
• Seng et al., Headache, Januar 2025 · Kommentar von Dr. Steven M. Baskin via Medscape Medical News, März 2025
Bild: ronyartkingv / Adobe Stock
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