Nicht der Auslöser zählt – sondern das Gesamtbild
Stress, schlechter Schlaf, eine ausgelassene Mahlzeit – Migränebetroffene kennen die Liste möglicher Auslöser. Neue Erkenntnisse zeigen: Nicht ein einzelner Faktor löst die Attacke aus, sondern die Summe an Ungewohntem in einem Tag. Ein Perspektivenwechsel mit praktischen Folgen.

Migräneauslöser zu identifizieren ist seit Jahrzehnten ein zentrales Anliegen der Kopfschmerzforschung – und ein frustrierendes. Die Liste möglicher Trigger ist lang, die Befundlage widersprüchlich. Eine Studie des Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School, im November 2025 in JAMA Network Open veröffentlicht, geht das Problem anders an.
Statt einzelne Auslöser isoliert zu betrachten, fragten Forscherin Dana Turner und ihr Team: Wie ungewöhnlich war ein Tag insgesamt für eine bestimmte Person? Dafür berechneten sie einen sogenannten «Surprisal Score» – einen Wert aus der Informationstheorie, der misst, wie stark ein Tag vom persönlichen Alltag abweicht.
28 Tage, 109 Betroffene, zweimal täglich
An der Studie nahmen 109 Menschen mit Migräne teil – 102 Frauen und 7 Männer, Medianalter 35 Jahre. Über 28 Tage führten sie morgens und abends ein elektronisches Tagebuch, in dem sie festhielten:
• Schlaf und Schlafverhalten
• Stress und Stimmung
• Essen, Trinken, ausgelassene Mahlzeiten
• Bewegung und Aktivitäten
• Wettereinflüsse
• Tägliche Routinen und Abweichungen davon
Aus diesen Daten berechnete das Team den Surprisal Score – ein Mass dafür, wie atypisch ein Tag im Vergleich zum persönlichen Verhaltensmuster war.
Das Ergebnis: Ungewöhnliche Tage erhöhen das Risiko deutlich
Die Zahlen sind eindrücklich. Ein hoher Surprisal Score war signifikant mit einem erhöhten Migränerisiko verbunden: innerhalb von 12 Stunden stieg das Risiko um 86 Prozent, innerhalb von 24 Stunden sogar um mehr als das Doppelte. Dabei zeigte sich auch, dass der Vortag eine Rolle spielt – die Wahrscheinlichkeit einer Attacke wurde durch den Surprisal Score des vorangegangenen Tages mitbeeinflusst.
Die Forschenden beobachteten zudem eine erhebliche Variabilität zwischen den Teilnehmenden: Wie stark der Surprisal Score das Risiko beeinflusste, unterschied sich von Person zu Person deutlich. Unter Berücksichtigung dieser individuellen Unterschiede blieb der Zusammenhang dennoch statistisch signifikant.
Nicht Schuld, sondern Muster
Migräneforscherin Dawn Buse vom Albert Einstein College of Medicine, die nicht an der Studie beteiligt war, beschreibt den Ansatz als «kreativ und durchdacht» und als Ausdruck eines breiteren Wandels im Denken über Auslöser. Statt einem einzelnen Trigger zu suchen, gehe es heute darum, kumulative und kontextabhängige Risikofaktoren zu verstehen.
Als Beispiel nennt sie Studierende in der Prüfungsphase: Stress, Schlafentzug, unregelmässige Mahlzeiten, fehlende Bewegung und der Wegfall von Erholung – all das summiere sich und erhöhe das Attackenrisiko. «Es ist nicht eine Sache, die den Kopfschmerz auslöst. Es ist die Kombination all dieser Dinge, zusammen mit dem Fehlen schützender Aktivitäten.»
Turner selbst hofft, dass die Ergebnisse dazu beitragen, das Gespräch zwischen Patientinnen, Patienten und Ärzten zu verändern: weg von der Frage «Welcher Auslöser hat diesen Anfall verursacht?» – hin zu «Welche Muster sehen wir, und wie können wir stabilisierend eingreifen?»
Routine als Schutz
Die Studie hat auch eine ermutigende Botschaft: Regelmässige, gesunde Gewohnheiten wirken offenbar beruhigend auf das Gehirn – und können das Attackenrisiko senken. Das gilt nicht nur in stressigen Zeiten, sondern auch in freudigen: Ferien, Feiertage oder aufregende Ereignisse können den Alltag ebenso aus der Bahn werfen wie belastende.
Für die Zukunft sehen die Forschenden Potenzial für intelligentere Migränetagebücher, personalisierte Risikovorhersage und neue Gesprächsgrundlagen in der Behandlung. Weitere Studien sollen zeigen, ob die Befunde auch für bisher wenig untersuchte Gruppen gelten – darunter Schwangere, Kinder und ältere Personen.
Quelle :
Turner et al. JAMA Netw Open. 2025 Nov 3;8(11):e2542944.
Bild: Katsiaryna Hatsak/Adobe Stock
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