«Stille Stunde» ermöglicht migränefreundliches Einkaufen
Grelle Lichter, laute Musik, ratternde Hubwagen – für Menschen mit hoher Reizempfindlichkeit kann Einkaufen zur Belastungsprobe werden. Immer mehr Schweizer Detailhändler führen deshalb die «Stille Stunde» ein.

Grelle Neonlichter, Musik aus Lautsprechern, das Rattern von Hubwagen: In vielen Geschäften herrscht eine ständige Geräusch- und Lichtkulisse, die kaum jemandem auffällt – ausser denen, die besonders empfindlich darauf reagieren. Für Menschen im Autismus-Spektrum, mit ADHS oder mit einer neurologischen Erkrankung wie Migräne wird der Einkauf dann rasch anstrengend. Im Schweizer Detailhandel tut sich hier etwas: Immer mehr Unternehmen führen die «Stille Stunde» ein – ein festes Zeitfenster, in dem sensorische Reize bewusst reduziert werden.
Vom Verein zur Filiale
Ursprünglich wurde die «Stille Stunde» vom Verein autismus schweiz angestossen. Zuerst setzte der Lebensmittelhändler SPAR das Konzept in mehreren Filialen um, später folgte der Baumarkt Hornbach – etwa in Affoltern am Albis und in Sirnach –, fachlich begleitet von autismus schweiz. Seit dem 21. April 2026 bietet auch IKEA in allen Schweizer Einrichtungshäusern eine «Stille Stunde» an. Nicht beteiligt sind bislang die grossen Lebensmittelhändler Coop, Migros und Lidl.
So läuft es bei IKEA ab
Jeden Dienstag von 15 Uhr bis eine halbe Stunde vor Ladenschluss bleibt bei IKEA die Hintergrundmusik aus, Durchsagen beschränken sich auf sicherheitsrelevante Informationen. Zusätzlich richtet das Unternehmen ausgewiesene Ruhebereiche mit Sitzgelegenheiten ein, in denen sich Besucherinnen und Besucher zurückziehen können. Notfallartikel wie Sonnenbrillen und Ohrstöpsel werden bereitgestellt, und das Personal wird im Umgang mit neurodiversen Kundinnen und Kunden geschult. Aktiv angesprochen wird während dieser Zeit niemand – wer Hilfe braucht, meldet sich selbst. So soll ein stressfreies und inklusives Einkaufserlebnis entstehen, ohne dass jemand überfordert wird.
Warum das gerade für Migränebetroffene zählt
Dass IKEA Schweiz Migräne ausdrücklich neben Autismus, ADHS und Angst als Zielgruppe nennt, hat einen guten Grund. Migräne ist weit mehr als ein starker Kopfschmerz: Zu den Kernsymptomen gehören eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Licht (Photophobie) und Lärm (Phonophobie), häufig begleitet von Übelkeit. Photophobie und Phonophobie sind so charakteristisch, dass sie zu den international anerkannten Diagnosekriterien der Migräne zählen; Lichtempfindlichkeit tritt bei rund der Hälfte der Betroffenen auf. Viele ziehen sich während einer Attacke instinktiv in einen dunklen, ruhigen Raum zurück – genau das Gegenteil einer typischen Verkaufsfläche. Eine reizarme Einkaufszeit kann hier den Unterschied machen zwischen einem machbaren Erledigungsgang und einem ausgelösten oder verstärkten Anfall.
Ein Gewinn weit über eine Gruppe hinaus
Profitieren dürften nicht nur Menschen mit einer Diagnose. Auch ältere Personen, Familien mit kleinen Kindern und alle, die eine ruhigere Atmosphäre schätzen, können die entschleunigte Zeit nutzen. Rückmeldungen aus den teilnehmenden Geschäften fallen überwiegend positiv aus – auch von Mitarbeitenden, die das ruhigere Arbeiten schätzen. Die «Stille Stunde» zeigt, dass Barrierefreiheit im Alltag manchmal keine grossen Umbauten braucht, sondern schlicht: weniger Reiz.
Quellen:
- IKEA Schweiz, «Stille Stunden – ruhiger einkaufen» (April 2026)
- Beobachter/Bilanz, «Und plötzlich diese Stille im Laden» (2026)
- EnableMe/Stiftung MyHandicap (April 2026)
- ICHD-3 / International Headache Society, Diagnosekriterien der Migräne.
Bild: Serhii / Adobe Stock
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